Spiegel-Online spricht von Firlefanz, die Zeit nennt Kehlmanns Wurf einen "großen Roman". Die Wahrheit liegt in meinen Augen in der Mitte, da der Erfolgsautor für mich das Geschehen in der Welt zu einseitig bewertet. Kehlmann hat mit dem Buch die Spitzenplätze der Bestsellerlisten erobert, rutscht aber bereits wieder ab. Die Breite der Rezensionen auf Amazon korrespondieren mit meiner Ambivalenz gegenüber dem Roman.

Glaube, Finanzwelt und Kunstmarkt - das sind die drei großen Themen von F, ein Familienroman mit historischen Einschüben. Der Roman beginnt mit dem Besuch eines Vaters (Arthur Friedland) samt seinen drei Söhnen (Iwan, Eric - Zwillinge - und Martin) bei einer Hypnose-Show. Auf die dortigen Vorkommnisse greift Kehlmann im Laufe des Buches immer wieder zurück.

Der größte Teil des Buches spielt an einem einzigen Tag, dem 8. August 2008. Die drei Söhne schildern ihre Erlebnisse aus jeweils eigener Perspektive. Daneben geht Kehlmann bis ins tiefe Mittelalter zurück, schildert die Zufälligkeit und damit Unwahrscheinlichkeit der Existenz der Protagonisten.

Mach was du willst ...
Doch statt diesem "Wunder" des Daseins Respekt zu erweisen, verbleibt der Roman einseitig bei der Auffassung des Autors von der reinen Lotterie als letzte Erklärung des Lebens und der damit einhergehenden Sinnlosigkeit allen Seins. Die Figuren verharren in Lügen und Betrügereien, sich selbst und ihren Mitmenschen gegenüber.

Diese Sicht des Weltgeschehens ist modern und korrespondiert mit den momentanen Erkenntnissen der Neurowissenschaften. Viele unserer Wege sind vorbestimmt (F wie Fatalismus), von Umwelt und Genen determiniert. Unbestritten aber bleibt in meinen Augen die Unerklärlichkeit, dass überhaupt etwas existiert und dass der Mensch neben allen Schicksalszumutungen in der Lage ist, Elemente und damit Erlebnisse in seinem Leben zu verändern.

Dieser Aspekt fehlt mir in F, ich hätte zumindest bei einem der Protagonisten diese Wahlmöglichkeit aufgezeigt. Hieraus hätten sich weitere, spannende Verstrickungen ergeben können. So jedoch bleibt F für mich einseitig. Am interessantesten empfand ich die Figur des Vaters, seine philosophischen Ansichten über den Lauf der Welt und seine darauf begründetet Lebensweise. In Ansätzen erlebe ich diesen Handlungswillen bei ihm, aber auch sein Leben lässt Kehlmann düster erscheinen.

Sprachlich top
Großen Respekt erweise ich Daniel Kehlmann im Hinblick auf seine Formulierungskünste, die wie ein unerreichbarer Stern über den meinen leuchten. Handwerklich spielt der Autor geschickt mit den Werkzeugen eines meisterhaften Schriftstellers. Von daher bietet F dem literarisch Interessierten durchaus Genuss. Wer etwas Erbauliches sucht, sollte woanders schauen.

Eine kleine Anekdote am Rande: Daniel Kehlmann freut sich im Fokus darüber, dass Amazon ihm seine eigenen Bücher regelmäßig zum Lesen empfiehlt. Daraus folgert er, dass er das schreibe, was er auch selbst gerne konsumiere. Einer sollte ihm sagen, dass Amazon schon derartige Werbemails versendet, wenn man nur öfter eine bestimmte Buchseite besucht hat. Was bei seinen eigenen Werken der Fall gewesen sein dürfte.